Strom und Gas vor der Heizsaison: Warum der Tarif mit dem höchsten Bonus oft der teuerste ist

Vergleichsportale sortieren nach dem ersten Jahr – inklusive Neukundenbonus. Ab Monat 13 dreht sich die Rechnung um. Welche fünf Filter Sie setzen sollten, woran Verträge scheitern und wie der Wechsel sicher gelingt – mit Rechner über zwei Jahre.
Paar prüft am Küchentisch die Stromrechnung mit Taschenrechner

Vor jeder Heizsaison dasselbe Bild: Die Vergleichsportale werben mit Ersparnissen von 800 Euro und mehr, ganz oben stehen Tarife mit dreistelligen Neukundenboni. Was dort selten steht: Der Tarif, der im ersten Jahr am günstigsten aussieht, ist ab dem zweiten Jahr häufig der teuerste im ganzen Vergleich.

Das ist kein Zufall, sondern Systematik. Vergleichsportale sortieren standardmäßig nach den Kosten des ersten Jahres – und in dieser Rechnung steckt der komplette Neukundenbonus, der nur einmal fließt. Ein Anbieter kann also einen hohen Arbeitspreis verlangen und sich mit einer Einmalzahlung trotzdem an die Spitze der Liste kaufen.

Ein Wechsel lohnt sich trotzdem, gerade jetzt vor der Heizperiode – nur eben nicht nach der Voreinstellung des Portals. Wir zeigen, wie die Sortierung wirklich zustande kommt, welche fünf Einstellungen Sie ändern sollten, an welchen Vertragsklauseln es sich entscheidet – und mit dem Rechner unten können Sie zwei Tarife über zwei Jahre gegeneinander stellen.

💡 Das Wichtigste vorweg

  • Bonus abschalten: In jedem seriösen Portal lässt sich der Bonus aus der Sortierung nehmen. Vergleichen Sie nur Arbeits- und Grundpreis.
  • Laufzeit höchstens 12 Monate, Kündigungsfrist höchstens einen Monat.
  • Keine Vorauskasse und keine Kautionen – bei einer Insolvenz des Anbieters ist das Geld weg.
  • Die beworbene Ersparnis bezieht sich fast immer auf die teure Grundversorgung, nicht auf Ihren tatsächlichen Tarif.

Wie die Rangliste im Vergleichsportal entsteht

Vergleichsportale sind keine Verbraucherschützer, sondern Vermittler. Sie finanzieren sich über Provisionen der Anbieter und über Werbung. Das ist legitim, hat aber Folgen für das, was Sie zu sehen bekommen: Anbieter, die keine Provision zahlen, tauchen in manchen Portalen gar nicht erst auf, und die Standardsortierung ist auf Abschlüsse optimiert, nicht auf Ihre Kosten über die Vertragsdauer.

Dazu kommt der Referenzwert. Wenn ein Portal Ihnen eine Ersparnis von „bis zu 900 Euro“ anzeigt, wird dabei fast immer mit der örtlichen Grundversorgung verglichen – dem teuersten verfügbaren Tarif, in dem nur noch ein Bruchteil der Haushalte steckt. Wer bereits einen normalen Marktvertrag hat, wird nie annähernd so viel sparen. Die Zahl ist nicht falsch, sie beantwortet nur eine andere Frage als Ihre.

⚠️ Diese fünf Einstellungen sollten Sie ändern

  • Bonus deaktivieren: Die Option heißt je nach Portal „Ohne Bonus rechnen“ oder „Boni nicht berücksichtigen“ und versteckt sich in den erweiterten Filtern.
  • Nur Tarife mit maximal 12 Monaten Laufzeit anzeigen lassen.
  • Vorkasse und Kaution ausschließen – ein eigener Filter in jedem größeren Portal.
  • Preisgarantie einblenden und darauf achten, worauf sie sich bezieht: Eine reine „eingeschränkte Preisgarantie“ schließt Steuern und Netzentgelte aus und ist damit deutlich weniger wert.
  • Verbrauch korrekt eintragen statt die Schätzung des Portals zu übernehmen. Der Wert steht auf Ihrer letzten Jahresabrechnung.

Die Bonus-Falle: einmal rechnen, zwei Jahre sparen

Zwei Energieverträge im direkten Vergleich

Der Neukundenbonus ist ein Marketinginstrument, kein Geschenk. Er wird üblicherweise nach zwölf Monaten mit der ersten Jahresabrechnung verrechnet – und danach zahlen Sie den regulären Preis des Anbieters, der oft deutlich über dem Marktdurchschnitt liegt. Wer nicht rechtzeitig erneut wechselt, finanziert den Bonus im zweiten Jahr selbst.

Rechnen Sie deshalb nicht in Jahren, sondern in 24 Monaten. Der folgende Rechner stellt einen Bonustarif einem schlichten Tarif ohne Bonus gegenüber. Die Voreinstellung entspricht einem typischen Angebot, wie es im Spätsommer beworben wird.

⚖️ Bonus-Check: Welcher Tarif ist nach zwei Jahren günstiger?

Vergleichsportale sortieren nach den Kosten im ersten Jahr – inklusive Bonus. Hier sehen Sie, was passiert, wenn Sie das zweite Jahr mitrechnen, in dem der Bonus wegfällt. Die Voreinstellung ist ein typischer Haushalt; alle Werte sind änderbar.

Tarif A – mit Neukundenbonus

Tarif B – ohne Bonus

So sieht die Rechnung aus

Zwei Strategien führen zum Ziel. Entweder Sie nehmen den dauerhaft günstigen Tarif ohne Bonus und lassen ihn laufen. Oder Sie nehmen den Bonustarif und kündigen ihn diszipliniert nach elf Monaten, um erneut zu wechseln. Beides funktioniert. Was nicht funktioniert, ist der Bonustarif ohne Wechselvorsatz – das ist die teuerste aller Varianten.

Woran ein Vertrag scheitert

Der Preis ist nur die eine Hälfte. Die andere steht im Kleingedruckten, und dort entscheidet sich, ob aus einem günstigen Angebot ein Ärgernis wird.

1
Die BonusbedingungenManche Anbieter zahlen den Bonus erst nach zwölf Monaten ununterbrochener Belieferung, andere knüpfen ihn an eine fristgerechte Anmeldung oder an bestimmte Zahlweisen. Lesen Sie den Absatz einmal ganz und notieren Sie sich das Auszahlungsdatum – und prüfen Sie später aktiv, ob der Bonus tatsächlich in der Abrechnung auftaucht. Genau hier entsteht ein großer Teil der Beschwerden.
2
Laufzeit und KündigungsfristZwölf Monate Laufzeit mit einem Monat Kündigungsfrist sind der vernünftige Rahmen. Längere Bindungen nehmen Ihnen die Möglichkeit, auf Preisänderungen zu reagieren. Setzen Sie sich am besten sofort nach Vertragsabschluss eine Erinnerung für den zehnten Monat.
3
Die Preisgarantie und was sie ausklammertEine „eingeschränkte“ Preisgarantie deckt nur den Beschaffungsanteil ab; Netzentgelte, Umlagen und Steuern darf der Anbieter trotzdem weitergeben. Eine „umfassende“ Garantie schützt weiter, ist aber seltener und wird eingepreist. Wichtig ist vor allem, dass die Garantie mindestens so lange läuft wie Ihre Vertragsbindung.
4
Abschlag und VorauszahlungEin monatlicher Abschlag ist normal. Vorauskasse für ein ganzes Jahr oder eine Kaution sind es nicht – bei einer Anbieterinsolvenz stehen Sie als einfacher Gläubiger da und sehen das Geld in aller Regel nicht wieder. Solche Tarife lassen sich in den Filtern ausschließen.
5
Der Abschlag nach dem WechselNeue Anbieter setzen den Abschlag gern niedrig an, damit der Wechsel attraktiv wirkt. Die Nachzahlung kommt dann mit der Jahresabrechnung. Prüfen Sie, ob der Abschlag zu Ihrem Verbrauch passt, und lassen Sie ihn notfalls anpassen.

Der Wechsel: harmloser, als viele denken

Zählerstand ablesen vor dem Anbieterwechsel

Die größte Sorge beim Wechsel ist regelmäßig die, dass der Strom ausfällt. Das kann nicht passieren: Die Grundversorgung springt gesetzlich ein, falls ein Anbieter ausfällt oder ein Wechsel scheitert. Dunkel wird es nicht.

  • Jahresverbrauch heraussuchen – er steht auf der letzten Jahresabrechnung, nicht auf der monatlichen Abschlagsrechnung.
  • Vergleichen mit deaktiviertem Bonus und mit den oben genannten Filtern.
  • Zwei bis drei Tarife notieren und die Bedingungen wirklich lesen, statt den erstplatzierten sofort abzuschließen.
  • Den neuen Anbieter kündigen lassen: Er übernimmt die Kündigung beim alten Versorger. Nur wenn Sie selbst kündigen, riskieren Sie eine Lücke.
  • Zählerstand am Wechseltag ablesen und fotografieren – das ist der häufigste Streitpunkt bei der Schlussrechnung.
  • Erinnerung für Monat 10 setzen, um rechtzeitig über den nächsten Wechsel zu entscheiden.
  • Schlussrechnung prüfen: Sie muss spätestens sechs Wochen nach Vertragsende vorliegen, und ein Guthaben ist zügig zu erstatten.

📞 Wenn es Ärger gibt

Zahlt der Anbieter den zugesagten Bonus nicht aus oder bleibt die Schlussrechnung aus, hilft zunächst eine schriftliche Fristsetzung. Bringt das nichts, ist die Schlichtungsstelle Energie zuständig – das Verfahren ist für Verbraucher kostenlos. Die Verbraucherzentralen prüfen Verträge und Abrechnungen gegen eine geringe Gebühr und haben die typischen Maschen der Branche gut im Blick.

Häufige Fragen

Lohnt sich ein Wechsel überhaupt noch?
In aller Regel ja, vor allem für alle, die noch in der Grundversorgung stecken – dort sind die Preise fast durchgehend die höchsten im Markt. Wer bereits einen Marktvertrag hat, spart weniger, aber der Vergleich kostet zwanzig Minuten und wird meistens mit einem dreistelligen Betrag belohnt. Der beste Zeitpunkt ist vor der Heizsaison, weil der Verbrauch dann steigt und sich ein niedriger Arbeitspreis stärker auswirkt.
Was passiert, wenn mein neuer Anbieter insolvent geht?
Sie fallen automatisch in die Ersatzversorgung Ihres örtlichen Grundversorgers und werden weiter beliefert. Teuer wird es, wenn Sie Vorauskasse geleistet oder eine Kaution gezahlt haben – dieses Geld ist im Insolvenzfall meist verloren. Deshalb: Tarife mit Vorauszahlung grundsätzlich meiden.
Sind Vergleichsportale grundsätzlich unseriös?
Nein. Sie sind ein nützliches Werkzeug, solange man versteht, wie sie Geld verdienen. Problematisch ist nicht das Portal, sondern die Voreinstellung: Sortierung nach dem ersten Jahr inklusive Bonus. Wer die Filter anpasst und zwei Portale gegeneinander hält, bekommt ein belastbares Bild. Nur sollte man die angezeigte Ersparnis nicht für bare Münze nehmen.
Was ist mit Tarifen, die automatisch für mich wechseln?
Wechselservices übernehmen den jährlichen Anbieterwechsel gegen eine Gebühr oder eine Beteiligung an der Ersparnis. Für Menschen, die den Termin sonst zuverlässig verpassen, kann das aufgehen. Sie geben damit aber die Kontrolle über den konkreten Vertrag ab und sollten sehr genau prüfen, welche Vollmachten Sie erteilen und wie die Vergütung berechnet wird.
Ich habe eine Preiserhöhung bekommen. Was gilt jetzt?
Bei einer Preiserhöhung haben Sie ein Sonderkündigungsrecht, unabhängig von der vereinbarten Laufzeit. Der Anbieter muss Sie rechtzeitig und in Textform informieren. Nutzen Sie das Zeitfenster, um zu vergleichen – häufig ist der eigene Anbieter nach der Erhöhung nicht mehr konkurrenzfähig.
Gilt das alles auch für Gas?
Ja, die Mechanik ist identisch: Boni, die den ersten Rang finanzieren, Preisgarantien mit Ausnahmen, Laufzeiten und Vorkasse. Der einzige Unterschied liegt in der Größenordnung – beim Gas ist der Jahresverbrauch und damit der Hebel deutlich größer, weshalb sich ein sorgfältiger Vergleich dort noch stärker auszahlt.

Fazit

Der Wechsel vor der Heizsaison ist eine der wenigen Gelegenheiten, mit zwanzig Minuten Aufwand einen dreistelligen Betrag zu sparen. Nur läuft man dabei leicht in eine Rangliste, die nicht für einen selbst optimiert ist.

Die Gegenmaßnahme ist unspektakulär: Bonus aus der Sortierung nehmen, auf 24 Monate rechnen, Laufzeit auf zwölf Monate begrenzen, keine Vorkasse. Wer zusätzlich eine Erinnerung für den zehnten Monat setzt, hat das Thema für die nächsten Jahre im Griff – und zahlt am Ende weniger als jeder, der sich vom höchsten Bonus hat leiten lassen.

Hinweis: Dieser Beitrag gibt allgemeine Verbraucherinformationen und stellt keine individuelle Energie- oder Rechtsberatung dar. Die Werte im Rechner sind Beispielannahmen; maßgeblich sind stets die konkreten Konditionen Ihres Angebots. Für eine persönliche Prüfung wenden Sie sich an die Energieberatung der Verbraucherzentrale.